Einen „echten Hochkaräter“ begrüßte Schulleiter Sönke Koß am 22. April 2026 in der Aula des AEG: Prof. Dr. Götz Aly, einer der bekanntesten deutschen und internationalen Historiker der neuesten Geschichte, stellte in Zusammenarbeit mit der VHS, Livengo Entertainment und dem Dokumentations- und Lernort Bückeberg seinen aktuellen Bestseller „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ vor und referierte über das weiterhin hochbrisante Thema Nationalsozialismus. Anschließend diskutierte er mit den rund 300 Schülerinnen und Schülern des AEG und anderer Schulen, welche die Aula fast bis auf den letzten Platz füllten.
Götz Haydar Aly, geboren am 3. Mai 1947 in Heidelberg, ist Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist. Thematisch konzentriert er sich auf den Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts und auf die Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere auf die Wirtschaft und Gesellschaft des NS-Staats, die NS-Rassenhygiene und den Holocaust. Viele seiner Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.
Aly wurde geboren als Sohn des Verlegers und ehemaligen Hitlerjugend-Funktionärs Ernst Aly und dessen Frau Ottilie, geb. Schneider. Er ist ein Nachfahre des königlich-preußischen Kammertürken (persönlicher Diener türkischer Herkunft) am Hof für eine Person, die dem höheren Adelsstand angehörte) Friedrich Aly (1664-1716) und ein Enkel des Freiburger Philologen Wolfgang Aly (1881–1962). Nachdem Götz Aly 1971 sein Studium (Geschichte und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin) mit der Diplomprüfung im Fach Politikwissenschaft abgeschlossen hatte, arbeitete er ab 1973 als Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung in Berlin-Spandau. Nach seiner Promotion arbeitete Aly von 1981 bis 1983 und von 1991 bis 1993 als Redakteur für Innenpolitik der neu gegründeten Tageszeitung taz. 1997 bis 2001 war er leitender Redakteur und bis Juni 2021 freier Autor der Berliner Zeitung. In den Zwischenzeiten schrieb er gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Spiegel.
Während dieser Zeit trieb Aly die Erforschung der Krankenmorde im Nationalsozialismus maßgeblich voran und gab von 1984 bis 1992 die ersten zehn Bände der Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik mit heraus, von 1985 bis 1988 leitete er das Projekt „Täterbiografien“ am Hamburger Institut für Sozialforschung. 1994 habilitierte sich Aly am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin in Politikwissenschaft. Nach Gastprofessuren in Wien und Salzburg hatte er von 2004 bis 2006 die auf vier Semester angelegte Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main inne. 2006 wurde er von Bundespräsident Horst Köhler in den Stiftungsrat des Berliner Jüdischen Museums berufen, dessen Mitglied er bis 2020 war.
Mehrere von Alys Büchern wurden zu Spiegel-Bestsellern. Im August vergangenen Jahres erschien das aktuelle, mit 768 Seiten opulente Werk „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ – „ein Bestseller, obwohl es so dick ist. Wer hat schon Zeit, das alles zu lesen?“ scherzte der berühmte Historiker und Autor zu Beginn seines Vortrags bzw. seiner Lesung. Nun, nach diesem Vortrag dürften es noch etliche weitere sein, denn der Journalist und Wissenschaftler fesselte sein jugendliches Publikum zwei Schulstunden lang. Etliche Fragen wurden gestellt, und es wären noch etliche weitere geworden, wäre die 6. Stunde nicht so schnell zu Ende gegangen.
Im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern machte Aly zu Beginn der Veranstaltung vor allem die sozialen Verhältnisse in Deutschland vor der Machtübernahme Hitlers bewusst: geringe Renten, wenig Geld bei einem Großteil der Bevölkerung. Etliche Bauernhöfe wurden zwangsversteigert, Wohnungen gepfändet, weil Mieten nicht mehr bezahlt werden konnten. Kaum jemand hat einen Reisepass – weil „Urlaub“ praktisch unbekannt ist. Viele Dinge sind nicht (mehr) zu bezahlen, „es wird gepfändet und gekündigt“ – Hitler nimmt in den ersten Wochen seiner Herrschaft etliche Gesetzesänderungen vor, so werden z.B. Mieter geschützt und die Zwangsversteigerung von Bauernhöfen verboten. Außerdem haben Verbesserungen der Hygiene und bahnbrechend Entdeckungen in der Medizin zwischen 1860 und 1915 ein starkes Bevölkerungswachstum, herbeigeführt, so dass die deutsche Gesellschaft sehr jung ist. „Und viele dieser jungen Menschen wählen Hitler“, so Götz Aly, „die NsdAP ist eine extrem junge Partei“.
Der Historiker lobte auch die „gute Bildungspolitik Kaiser Wilhelms II“. Dieser – ein Enkel der britischen Kaiserin Victoria und sehr durch seine englische Mutter geprägt – habe etliche Elemente des angelsächsischen Bildungswesens nach Deutschland „importiert“: Noch heute gebe es viele wilhelminische Schulbauten (in Hameln das Schiller-Gymnasium und die Vikilu), gänzlich neue Schulformen wie Ober- und Realschulen seinen eingeführt worden. „Außerdem gab es nun neben den altsprachlichen Schulen auch naturwissenschaftlich ausgerichtete Schulen, was bereitere Gesellschaftsschichten als vorher in diese brachte“, folgerte Götz Aly. Und: „Wäre Wilhelm II 1903 gestorben, hätten wir noch heute Denkmäler von ihm“. Die vielen gut gebildeten jungen Menschen wählten mehrheitlich die NsdAP – aus heutiger Sicht erstaunlich. „Eine weitere große Wählergruppe waren zudem die Protestanten – damals rund zwei Drittel der Bevölkerung“, bilanzierte der Politikwissenschaftler.
Auch das Kriegsende – der Kampf bis quasi zum letzten Mann und letzten Tag – wurde problematisiert. Aly erklärte: „Viele dachten: Wenn die Gegner das mit uns machen, was wir ihnen angetan haben, sind wir sowieso alle tot. Das wurde den Deutschen von der Propaganda immer wieder eingetrichtert: Bei einer Niederlage ist alles vorbei.“ Im Gegensatz zum 1. Weltkrieg sei im 2. Weltkrieg die Schuldfrage „völlig klar“ gewesen.
Fazit: In einer schweren Krise wurde die NSDAP 1932 zur mit Abstand stärksten Partei gewählt. Bald konnte sie die Macht übernehmen und auf wachsende gesellschaftliche Zustimmung bauen. Die NSDAP versprach den Deutschen Aufstieg und Wohlstand, zugleich hielt man die Menschen in Bewegung, keine Atempause, keine Zeit zum Nachdenken, so ging es Richtung Krieg. Als der Glaube an einen Sieg nachließ, wurde aus der Volksgemeinschaft eine Verbrechensgemeinschaft. Jeder konnte wissen, welche Schuld die Deutschen auf sich luden, die Angst vor dem, was nach einer Niederlage geschehen würde, wurde bewusst geschürt.
Cord Wilhelm Kiel
Und hier eine Rezension des Auftritts von Götz Aly aus Schülersicht:
Am 22. April 2026 war Prof. Dr. Götz Aly, einer der bekanntesten deutschen und internationalen Historiker der neuesten Geschichte, zu Gast am AEG. Vor rund 300 Schülerinnen und Schülern – darunter unsere Klasse 10D sowie mehrere zwölfte Klassen umliegender Gymnasien – stellte er sein aktuelles Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945" vor und ging der Frage nach, warum so viele Menschen Hitlers Aufstieg und die Verbrechen des NS-Regimes nicht nur geduldet, sondern aktiv mitgetragen haben.
Inhalt
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die NSDAP in einer Demokratie überhaupt so stark werden konnte. Aly zeichnete eindrücklich nach, wie sehr die Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg und besonders nach der Weltwirtschaftskrise 1929 unter Massenarbeitslosigkeit, Zwangsversteigerungen und einem tiefen Vertrauensverlust in die Demokratie litt. In dieser Lage konnte Hitler mit einfachen Versprechen – Arbeit, Ordnung, nationale Stärke – viele Menschen für sich gewinnen. Besonders interessant fand ich seinen Gedanken, dass die NSDAP eine auffällig „junge Partei" gewesen sei, getragen von einer demografisch jungen Gesellschaft. Hängengeblieben ist mir auch sein Punkt zum Kriegsende: Viele kämpften bis zuletzt weiter, weil die Propaganda ihnen eingeredet hatte, bei einer Niederlage sei sowieso alles verloren – aus der „Volksgemeinschaft", so Aly, sei am Ende eine „Verbrechensgemeinschaft" geworden. Vieles davon kannte ich aus dem Unterricht, neu und besonders wertvoll war Alys persönlicher Zugang: Mit sechzehn habe er erstmals Bilder des Holocaust gesehen und danach seine eigenen Eltern damit konfrontiert – sein Vater hatte eine Leitungsfunktion in der Hitlerjugend und war als Soldat im Krieg gewesen. Genau dieser biografische Hintergrund hat den Vortrag für mich glaubwürdig und sehr menschlich gemacht.
Art und Weise
Auch in der Art und Weise hat mich Aly überzeugt. Schon zu Beginn kündigte er an, bei Unruhe einfach zu unterbrechen und zu warten – eine kleine Geste, die sofort für eine konzentrierte Atmosphäre sorgte, ohne autoritär zu wirken. Mehrfach verließ er die Bühne, um „auf Augenhöhe" mit uns zu sprechen, was deutlich machte, dass es ihm wirklich darum ging, uns zu erreichen. Statt eines reinen Frontalvortrags wählte er einen offenen, dialogischen Stil mit kleinen Schätzfragen – etwa, wie viel die Menschen damals verdient haben oder wie viele Jüdinnen und Juden in Deutschland lebten. Dadurch wurde man automatisch zum Mitdenken gebracht. Seine Sprache war klar und verständlich, Fachbegriffe erklärte er beiläufig mit. Auf PowerPoint oder Bilder verzichtete er, was kein Mangel war, weil seine Erzählweise stark genug war, um uns rund siebzig Minuten lang zu fesseln, bevor sich eine etwa zwanzigminütige Fragerunde anschloss.
Kritische Anmerkungen
Kritisch sehe ich zwei Punkte. Zum einen hatte ich gelegentlich den Eindruck, der Vortrag diene auch dazu, sein 768 Seiten umfassendes Buch zu bewerben – nachvollziehbar, aber stellenweise etwas zu offensichtlich. Zum anderen lehnte er in der Fragerunde eine Frage einer Lehrkraft mit dem Hinweis ab, nur Schülerinnen und Schüler dürften fragen. Das fand ich schade, denn Lehrkräfte haben oft einen guten Blick dafür, welche Themen für uns interessant sind oder im Vortrag noch nicht ganz beantwortet wurden. Inhaltlich etwas zu kurz kam für mich, soweit ich mich erinnere, der Alltag in den Familien jener Zeit: Wie offen wurde zu Hause über Politik, Verfolgung oder später über Schuld gesprochen?
Fazit
Götz Aly hat einen Vortrag gehalten, der inhaltlich dicht, durchdacht und menschlich ehrlich war, ohne irgendetwas zu beschönigen. Für unsere aktuelle Unterrichtseinheit war seine Lesung eine ideale Vertiefung, und ich habe das Gefühl, die Zeit zwischen 1933 und 1945 nun nicht nur besser zu kennen, sondern auch besser zu verstehen. Trotz der kleinen Kritikpunkte würde ich den Vortrag und sicherlich auch das Buch jederzeit weiterempfehlen. Dass uns das AEG eine solche Veranstaltung kostenlos ermöglicht hat, finde ich besonders wertvoll – gerade bei diesem Thema halte ich Aufklärung für unverzichtbar.
Mia Niehus, 10D